Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (14).

Vierzehnte Predigt.

Zehnte Lagerstätte: Raphidim. 4. Buch Mose 33,14.

Es ist eine kleine, aber liebliche Geschichte aus der Zeit der Sündfluth, welche uns 1. B. Mos. 8,9 erzählt wird. Die Arche hatte sich endlich auf dem Gebürge Ararat gesetzt, und die Spitzen der Berge ragten wieder aus dem Wasser hervor, das sich nach und nach wieder verlief. Jetzt wollte Noah gern wissen, wie es auf der Erde aussah und ließ einen Raben fliegen. Dies unreine Thier, froh dem Kasten entkommen zu sein, kam nicht wieder, da es hinreichend eine, seiner Natur angemessene Nahrung fand; ein Bild aller unreinen Menschen, deren Begierden eben außerhalb dem Christenthume ihre Befriedigung suchen und keine Anhänglichkeit an den himmlischen Noah haben. Jetzt ließ er eine Taube heraus. Sie flog weit umher, fand aber nicht, wo ihr Fuß ruhen konnte. Sie kehrte zur Arche zurück und umflatterte dieselbe. Mitleidig streckte Noah seine Hand aus und nahm sie zu sich in den Kasten.

Nahm sie zu sich in den Kasten. Das thut der himmlische Noah in vollem Maße alsdann, wenn er die gläubige Seele durch den Tod zu sich in den Himmel nimmt, wo sie ruht von aller ihrer Arbeit. Aber auch hienieden beweiset er sich von Zeit zu Zeit so holdselig gegen die Seinen. Wohl müssen sie zuweilen aus dem Kasten, aber ihr Hang und Sehnen ist doch nach demselben, und sie finden nicht, wo sie außer demselben ruhen möchten. Die Flügel, die sie brauchen, sind ihre Begierden, ihr Verlangen, und dem kommt Jesus zu Hülfe, streckt seine Hand aus und nimmt sie zu sich in den Kasten.

So giebts in der Wüste dieses Lebens auch angenehme Ruhepunkte, und von der Art war auch einigermaßen die 10te Lagerstätte der Kinder Israel, von welcher wir heute einiges zu bemerken gedenken.

Von Alus zogen sie aus und lagerten sich in Raphidim, daselbst hatte das Volk kein Wasser zu trinken. – Dies ist die 10te Lagerstätte und somit der vierte Theil von der ganzen Summe. Boten die beiden vorigen Lagerstätten wenig Merkwürdiges dar, so daß wir uns blos an die Bedeutung der Namen halten mußten, um daraus einige Lehren und erbauliche Anmerkungen zu schöpfen: so enthält diese desto mehr Bemerkenswerthes, mit dessen Erzählung sich im 2ten Buche das ganze 17te Kapitel beschäftigt; auch gedenkt die Heilige Schrift mehrmals der Vorgänge in Raphidim, z.B. Psalm 78. 95. 105., 1. Cor. 10., Hebr. 3. – Diese Lagerstätte hat drei Namen, denn sie heißt auch Massa und Meriba. Laßt uns denn erst einiges von dieser Lagerstätte und dann von den Vorgängen daselbst bemerken. –

Wir wissen schon – was die Lage dieser 10ten Lagerstätte betrifft – daß sie sich nach Canaan hinneigt, und daß sich das Abweichen von der geraden Heerstraße bei Alus schloß. Die Beschaffenheit derselben war auch nicht übel, den 1stens war’s doch schon was Angenehmes, daß sie nun die Wüste Sin, die Dornenwüste, hinter sich hatten. Es giebt im Christenthume einzelne, besondere Anfechtungen, welche den Christen, wie auf den Tod quälen können, und deren er sich doch durch alle Anstalten, die er trifft, nicht entledigen, sich auch nicht darein ergeben kann, als in ein Verhängniß Gottes über ihn. Da sieht er kein Durchkommen, denkt wohl, er werde sein Lebenlang nicht aus dieser Dornenwüste herauskommen und glaubt, wenn er nur einmal da heraus wäre, so wollte er alles nicht mehr achten! Und siehe, er kommt endlich heraus, kann sich jedoch wohl nicht ohne Grauen daran erinnern, wie es ihm in Daphka und Alus ging. – Es war 2tens ein Thal, von Bergen umgeben. Freilich haben auch Thäler ihr Beschwerliches, sowohl wie das bergab- und angehen – und der alte Lodenstein hat wohl Recht, wenn er singt:

Aug’ empor! mein Herz nach oben!
Hier auf Erden ist es nicht.
Das rechte Leben, Lieben, Loben
Ist nur, wo man Jesum sieht.

Die Schrift sammt der Erfahrung reden auch von einem Thränen- von einem Jammerthal – ja von einem Thal der Todesschatten – lauter Furcht erregende Namen. Es giebt auch ein Thal der Demuth, und wer darin zu wandeln versteht, der thut ziemlich gleichförmige Schritte! In dies Thal muß ein Jeder und kommt ein Jeder, der nach Canaan reiset. Er wird demüthig und immer demüthiger. Und den Demüthigen giebt Gott Gnade. Die wahre Demuth entsteht aus der innigen Ueberzeugung seiner Nichtigkeit und Sündigkeit. Sie ist durchaus nichts Gemachtes oder Aeußerliches, sondern etwas Wahrhaftes, so daß ein wahrhaft Demüthiger sich nicht für demüthig hält, sondern nicht wüßte, wie er anders von sich denken sollte, als sehr gering und schlecht, wie er auch thut. Ja, der wirklich Demüthige hält sich für gar nichts, wie wir ja auch wirklich nichts sind, als was der Herr aus Gnaden aus uns machen will – und ist damit wohl zufrieden. Demüthig thun aber und demüthig reden, macht’s gar nicht aus, und solche heuchlerisch Demüthige würden sich vermuthlich nicht wenig entrüsten, wenn man ihnen erklärte: man sei überzeugt, daß sie nicht Ursache haben, anders als sehr gering von sich zu halten. – So lange wir’s Christo nicht ganz und gar können gelten lassen, wenn er z.B. sagt: ihr vermögt das Geringste nicht; ohne mich könnt ihr nichts thun; so lange wir Paulo nicht nachsagen können: ich bin der größte unter den Sündern, ich bin eine unzeitige Geburt, ein Narr, nichts – werden wir keine Ursache haben, uns für demüthig zu halten. Schwerlich wird auch Jemand demüthig sein, der nicht zu Daphka geschlagen und zu Alas geknetet und getreten wurde. Herunter muß der Mensch von den Bergen des eigenen Wissens, Könnens und Seins, in’s Armenhaus, wo er seine ganze Substistenz vom Geben haben muß und bald spärlich, bald reichlich empfängt, zuweilen auch mit Brod und Wasser vorlieb nehmen, oder gar ein wenig hungern und dursten, auch wohl eine schnöde Behandlung erfahren muß, wie es dem weisen Pfleger der himmlischen Güter beliebt. Laßet uns allesammt noch geringer werden denn also. Laßet uns uns für noch größere, abscheulichere, nichtswürdigere Sünder halten, wie bisher, wozu wir ja gar große Ursache haben; laßt uns unsere Versehen fernerhin nicht mehr für so geringe halten und so leicht darüber hinhüpfen, wie Viele zu thun geneigt sind; laßt uns noch gründlicher lernen und glauben, daß wir außer Christo nichts verstehen und nichts können, noch gründlicher glauben lernen, daß sein Opfer allein uns angenehm macht. –

Raphidim war 3tens ein sehr angenehmes Thal, ist es wenigstens heut zu Tage. Personen, welche jene Gegend bereiset haben, bezeugen, es gäbe daselbst ein Kloster, dessen einsame Bewohner sehr schöne Garten haben; besonders sei die Dattelpalme daselbst häufig, deren liebliche Frucht mitten in der grauenerregenden Wüste desto willkommener sein muß, je weniger man sie da erwartet. Welche angenehme Ueberraschung mußte dies den Kindern Israel gewähren, hier ein zweites Elim zu finden? David rühmt: Du bereitest mir einen Tisch gegen meine Feinde. In den Wegen des Herrn geht’s nicht immer gleich reichlich und auch nicht immer gleich knapp herum. Die lieben Jünger hatten wol einmal Hunger, mußten auf die Frage: Kinder, habt ihr nichts zu essen? mit Nein antworten und Aehren ausraufen, um sich an den ausgeriebenen Körnern zu erquicken. Zuweilen hatten sie aber auch Wein und Braten auf ihrer Tafel, und einen schönen Saal und eine Menge von Fischen, daß sie nicht damit zu bleiben wußten. So gehts noch im Geistlichen. Leset die Psalmen, von wie verschiedenem Inhalt sind sie. Da weint und jammert der eine Psalm und geht wie aus dem tiefsten Baßton, daß man zweifeln sollte, ob der wol je wieder heiter aussehen werde; da ringt er mit Gott und spricht sich selbst Muth zu, fleht und bettelt und ermahnt Gott zum Erwachen, als wäre er eingeschlafen, zum Aufstehen, als sitze er da müßig. Ein andrer Psalm rühmt und jauchzt, als ob alles überstanden sei, rühmt sich seiner Unschuld, Frömmigkeit und Gerechtigkeit, als wäre kein Fehl daran, daß man denken sollte – nie würde der darnieder liegen, so fest ist sein Berg gesetzt, durch des Herrn Wohlgefallen. Und dies ist die Geschichte des einzelnen Christen. Oft eh’ wir’s uns versehn, läßt er uns viel Guts gescheh’n. Oft findet ein zerschlagenes Herz gleichsam mitten in der Einöde ein Raphidim, einen Lustgarten, und erquickende Datteln, wird auf die angenehmste Weise mit einem Trost überrascht, den solches noch fern glaubte. –

Dies Thal bekam mehr als einen Namen. Zuerst hieß es Raphidim; dieses Wort wird auf mehr als eine Weise übersetzt. Erstlich heißt es Ruhebette. Eine erwünschte Sache für einen Müden, wenn anders das Lager, worauf er ruht, nur rechter Art ist. Jesus bietet den Ermüdeten und Arbeitenden das rechte Ruhelager an, wenn er ruft: her zu mir, ich will euch erquicken; nehmet auf euch mein Joch, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Ihm ist aufgetragen, ihm ist es allein vorbehalten, uns das große Gut der wahren Seelenruhe zu verleihen, welche aus der vollkommenen Befriedigung aller Begierden entspringt und allein in seiner Gemeinschaft zu finden ist. Vergeblich sucht sie der verblendete Mensch in irdischem Besitz und sinnlichem Genuß. Es bestätigt sich noch immer, was Salomo sagt: das Auge sieht sich nimmer satt und das Ohr hört sich nimmer satt. Die Begierden des Menschen sind viel zu weitläufig, als daß sie durch ein endliches Gut gestillt werden könnten, denn Gott, sagt der nemliche Weise, hat den Menschen die Ewigkeit in’s Herz gegeben. Setzt daher Jemand seine Glückseligkeit in Reichthum, bildet er sich vielleicht ein, er werde nichts mehr begehren, wenn er nur erst ein solches Vermögen besitze, glaubt er, er werde dann nach nichts mehrerem streben, sondern ganz vergnügt sein, wenn er nur dies Ziel erreicht habe, so irrt er sich und gleicht einem Menschen, welcher einem Schatten nacheilt und wenn er ihn greift, doch nichts hat. Es ist gewiß, daß ein Armer sehr vergnügt und ein Reicher sehr mißvergnügt sein kann. Das Nemliche gilt von allen andern geschaffenen, sichtbaren und sinnlichen Dingen. Wer des Wassers trinket, den wird wieder dürsten. – Dieses bezieht sich nun blos auf die Zeit des Aufenthalts des Menschen in dieser armen Welt. Aber was die zukünftige betrifft, so täuscht sich der Mensch, welcher seine Hoffnung für diese auf dasjenige gründet, was er selbst ist, weiß, kann und hat, welches nichts als Sand ist, der zum Fundament nicht taugt. Es ist nichts als Verwegenheit, wenn ein Mensch meint, er dürfe sich auf seine eigenen Werke, Verstand und Kräfte verlassen, und es ist eine große Barmherzigkeit, wenn ihm in der Buße die Unzulänglichkeit von diesem allen also aufgedeckt wird, daß er sich nach einem andern Grunde seiner Ruhe umsehen muß. So will es die Schrift. Was gilt vor dem Richterstuhle derselben alle Weisheit, da sie erklärt: die Weisheit der Weisen will ich zu nichte machen, und den Verstand der Verständigen verwerfen? was weise ist bei den Menschen, das ist thöricht bei Gott. Was wird aus unsern besten Werken, wenn ein genaues Licht uns zeigt, wie befleckt sie sind, wenn Gott sich selbst dahinter her macht, und sie als solche anzeigt, die kein nütze sind; und wenn im Ganzen festgesetzt wird, daß durch des Gesetzes Werk kein Fleisch gerecht wird? Ach! gewiß ist der angestrengteste Fleiß und die sorglichste Genauigkeit im Wandel nicht genugsam, auch nur des Menschen eigenes Gewissen zu beruhigen, wenn es anders sein Amt gehörig versieht, wie sollte es daraus sogar eine Freudigkeit auf den Tag des Gerichts schöpfen können? – Will sich Jemand auf sein Herz verlassen, so erklärt ihn die Schrift für einen Narren und für blind zugleich, als der nicht weiß, daß er arm ist und elend, jämmerlich, blind und bloß. Will Jemand sich mit der Barmherzigkeit Gottes beruhigen, so ist dies allerdings ein wichtiger Grund. Allein wird er nicht auch dadurch wankend gemacht, daß Gott doch eben so unleugbar gerecht und heilig, als barmherzig und gütig ist und eben so wol droht, als freundlich redet. Empfangene Versicherungen von der wirklich erlangten göttlichen Gnade und Vergebung der Sünden sind etwas ungemein Köstliches. Aber sei geben so wenig einen fortwährenden Beruhigungsgrund, als die sonstigen Tröstungen und Süßigkeiten, obschon es allerdings heißt: Vergiß nicht, was Er dir Gutes gethan hat. Wer ist aber, der ihrer aus Gnaden theilhaftig geworden wäre und nicht wüßte, daß die nachdrücklichsten Versicherungen doch wieder so bestritten und verdunkelt werden können, daß sie der Seele wie ein Traum, wie eine Täuschung erscheinen, wenigstens unvermögend sind, sie völlig zu beruhigen, mag sie auch aus der Erinnerung daran einen gewissen Muth schöpfen, im Wege der Gerichte auf den Herrn zu harren. – Die wahre Ruhe ist lediglich in dem theuern Namen Jesu anzutreffen, in demjenigen was er ist, was er uns ist, was er gethan hat und noch thut, uns Elenden zu gut. Insbesondere ist es sein ewig gültiges Opfer am Kreuz, wodurch er in Ewigkeit vollendet hat, alle die geheiligt werden, was einen vollkommenen Beruhigungsgrund, auch für den ärmsten Sünder darbietet. In ihm, dem Geliebten, sind wir angenehm gemacht auf einmal, durch das Opfer seines heiligen Leibes, und das gilt auch immerhin. Wir sind vollkommen in ihm, so daß nichts mehr hinzugethan zu werden braucht, noch hinzugethan werden kann noch darf. Dazu gesellt sich nun alles übrige, was wir an ihm haben, so daß er das Eine ist, was noth thut und hinreicht, denn er ist uns ja von Gott gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. Und ist darin denn nicht alles zusammengefaßt, was uns nöthig und heilsam ist? und ist’s nicht etwas Köstliches dabei, daß Alles in dem Einen ist, wir also nicht nöthig haben, das eine in diesem, das andere in jenem Winkel nachzusuchen, sondern alles in Einem antreffen?

Sobald nun der Heilige Geist der Blinden Augen öffnet, dies zu sehen, und der Tauben Ohr, das zu hören, so bereitet sich ein lustiges Thal um sie her, so bereitet sich ihr ein köstliches Ruhebette, worauf sie sich niederlegen, ihre müden Glieder erquicken und ganz mit Frieden schlafen kann, wenn sie nach dem 3ten Psalm auch viel hundert Tausende umher wider sie legten. Dies ist ein Schlaf, wobei das Herz wachet, und woraus der Freund die Seele nicht geweckt wissen will. Da werden alle Seelenkräfte in eine anmuthige Stille eingewiegt. Das Herz ist nicht mehr wie ein ungestümes Meer, sondern wie ein stiller Spiegel, worin sich der Himmel abmalt. Die nagenden Sorgen haben weggemusst und sind auf den geworfen, der so treulich, so hirtenmäßig sorgt. Die Seele braucht nicht mehr ängstlich auf sich selbst zu sehen, sondern hat sich selbst über dem Aufschauen auf Jesum, den Anfänger und vollender, seliglich aus den Augen verloren und braucht sich um sich selbst nicht mehr zu bekümmern, wie sie bisher mußte, ohne etwas dadurch auszurichten, als daß sie sich in der Menge ihrer Wege zerarbeitete und immer müder wurde. Sie braucht nicht selbst zu wirken, sondern genießt nur die Früchte dessen, was er ausgemacht, da er uns in dem Gerichte längst mit Ehren durchgebracht. Seine Gebote sind ihr jetzt nicht schwer, und indem sie von Ihm lernet, findet sie ihn sanftmüthig und von Herzen demüthig, sein Joch aber sanft und seine Last leicht. Wohl heißt’s davon im 108ten Liede: wenn diese steht, kann nichts entsteh’n, was meinen Geist betrübe. Da sind denn die 6 langen Werktage einmal herum und der Sabbath bricht an, wovon es heißt: da werdet ihr keine Arbeit thun, sondern erfahren, daß ich der Herr bin, der euch heiligt. Da gürtet sich der Herr und erweiset sich als ein solcher, der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen; als ein Hirte, bei welchem die Schafe volle Genüge haben.

Ach, wer sollte den armen Kindern Israel dies Raphidim nicht von Herzen gönnen. Die schauerliche Wüste Sin war nicht Schuld daran, daß ihnen nicht Schuhe und Kleider zerrissen und Hände und Füße zerfetzt waren. So ruht denn hier ein wenig aus. Esset, meine Lieben, und trinket, meine Freunde, und werdet trunken. So hat man Ruhe, so erquickt man die Müden, so wird man stille. Ergötzt euch mit daran, ihr müden, keuchenden Pilger. Geht noch ein wenig berg hinan, bald ist’s gethan. Auf die Werktage folgt doch ein Sabbath, auf die Arbeit Ruhe, die um so erquicklicher ist, je sauerer und länger jene war. Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Jesus ist der rechte Noah und Ruhegeber, und er wird doch endlich seine Hand ausstrecken und die flatternde Taube, welche nicht fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, zu sich in den Kasten nehmen.

Raphidim wird aber auch übersetzt: lasse Hände und derselben Heilung. Lasse Hände sind solche, welche, des Werk’s überdrüßig, dasselbe liegen lassen und aufgeben wollen. So war Israel hier des Reisens auch überdrüßig und verdrießlich, daß es sich aus Egypten hatte führen lassen. Wenn die Schrift ermahnt, aufzurichten die lassen Hände und die müden Kniee, so setzt dies voraus, daß sich diese Versuchung bei Christen einstellen kann. Es kann sich ihrer eine Muthlosigkeit bemeistern wollen, als ob sie nur alles d’rangeben sollten, weil es doch vergeblich sei. Es kann jemanden bedünken, als möge er das Beten nur einstellen, weil es doch ganz fruchtlos bleibe, und des Kampfes müde, kann er die Waffen wegwerfen wollen. Diese Muthlosigkeit ist eine üble Sache und es wird daher ausdrücklich geboten, den verzagten Herzen zuzurufen: seid getrost! – Geduld aber ist euch noth, auf daß ihr den Willen Gottes thut und die Verheißung empfahet. Man muß lernen, auf eine unermüdliche Art auf den Herrn und seine Hülfe zu harren, und wenn er verzeucht, so heißt es doch fortwährend: harre sein, denn der Herr wird gewißlich kommen und nicht verziehen. – Immer auf’s neue muß man sich zum Kampf rüsten und mit dem Widerstand seinen Muth verdoppeln. Es ist aber schön, daß Raphidim nicht bloß auf lasse Hände, sondern auch auf die Heilung derselben bezogen werden kann. Geheilt werden sie aber, wenn der Heilige Geist die Seele seiner kräftigen Einwirkung würdigt und sie tröstet, wo sie alsdann läuft den Weg seiner Gebote. Denen, die auf den Herrn harren, ist ja auch eine neue Kraft zugesagt, und er wird uns als ein solcher vorgestellt, der den Müden Stärke und Kraft genug dem Unvermögenden gibt. Wenn der Geist wieder all’ das Gute zu Gesichte bekommt, was wir in Christo haben, so wird der Glaube wieder kräftig. – Es ist sehr schade, aber nicht selten, wenn es von Christen gilt, was Paulus den Galatern vorrückt: ihr liefet fein, wer hat euch aufgehalten? und Jesus klagen muß: du verläßt die erste Liebe, auch hinzugesetzt: gedenke, wovon du gefallen bist und thue Buße, und thue die ersten Werke. Wo aber nicht, so werde ich dir bald kommen, und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße thust. – Es ist betrübt, wenn Christen nach und nach also in weltliche Händel, Geschäfte, und Umtriebe zerstreuet und verstrickt werden, daß man sie kaum mehr erkennt und zwischen ihnen und ganzen Weltmenschen keinen bedeutenden Unterschied gewahr werden kann. So eifrig sie früher waren, so nachlässig sind sie jetzt, als ob sie jetzt was Dringenderes unter Händen hätten, als sich nahe zum Herrn zu halten. Reden sie etwa noch vom Christenthum, so betrifft es nur Dinge, die sich schon vorlängst mit ihnen zugetragen haben, und die mehr ihren Sitz in der Erinnerung und im Gedächtniß, als in jetziger Erfahrung und im Herzen haben. Vielleicht tragen solche nicht einmal sonderlich Leide über ihren geistlichen Verfall, mögen sich daran nicht mahnen lassen oder sprechen gar: ich bin reich und habe gar satt, und darf nichts. So darf’s aber nicht bleiben. So ist’s gar dem echten Christenthum nicht gemäß, und solche Seelen haben alle Ursache, stark daran zu zweifeln, ob wol jemals ein echtes Gnadenwerk in ihnen begonnen, und ob es nicht viel rathsamer für sie wäre, die Gnade der ersten Buße ernstlich zu suchen, als sich mit der beständigen Bewahrung der Gläubigen zu beruhigen, und ernstlich zu wirken, statt sich einzubilden, Jesus habe es ihnen durch sein Werk erworben, so leblos dahin zu gehen, was ein grober Mißbrauch und Mißverstand ist. Unsere Verstandsbegriffe mögen wol sehr richtig sein. Ist es aber eine Erkenntniß, wie sie sein soll, so wird sie uns gewiß nicht unfruchtbar sein lassen: sondern sich als eine solche in uns und an uns weisen, die da kräftig wirkt. – Seelen, die über ihre Unfruchtbarkeit und Trockenheit Leide tragen, sie beweinen, sich dadurch zum Herrn und den Gnadenmitteln treiben lassen, sind von anderer Art, und mit jenen nicht zu verwechseln. Diese mögen an Mosen denken, der einen Aaron und Hur hatte, welche seine lassen Hände, wenn sie sanken, wieder aufrichteten. Ich will Wasser gießen auf die Durstigen und Ströme auf die Dürre.

Das Verhalten der Kinder Israel machte, daß dies Raphidim auch ein Paar böse Namen bekam, nemlich Massa und Meriba, auf deutsch: Versuchung und Zank. Die Geschichte war diese: Die armen Leute zogen wohl aus der Dornenwüste und mochten darüber wol sehr froh sein. Aber ach! nun fehlte es ihnen – und woran? an etwas, das man durchaus nicht entbehren kann – an Wasser. Raphidim muß also damals der lustige Ort nicht gewesen sein, wie neuere Reisende ihn beschrieben haben, oder ward es erst, durch das Schlagen des Felsen. Ich erstaune. An Wasser fehlte es ihnen? Und ihre Führung war doch ganz unbezweifelt nicht ihre eigene Wahl, sondern des Herrn ausdrückliche Anordnung? Und dabei geht’s ihnen also! – Wenn sie sich später beschweren, daß sie keine Fische, kein Knoblauch, Zwiebel und Melonen haben – das schlage ich nicht an, das sind Dinge, die lassen sich entbehren – aber Wasser! – Hat’s euch auch wohl je daran gefehlt, wie durstig ihr auch waret? Ich meine aber nicht natürliches Wasser, in welchen Fall wir wohl so leicht nicht kommen – sondern geistliches Wasser? Oder ist euch das ein noch fremderes Ding, als es der Samariterin war? David durstete einst nach Gott und schrie so nach ihm, wie die Hirsche nach Wasser. Seine Seele war einmal geistlicher Weise vertrocknet, daß sie einem Lande glich, wenn es im Sommer dürre wird. Bei den Propheten wird einmal von Elenden geredet, die Wasser suchen und finden keins, und deren Zunge verdorret vor Durst. Aber, spricht der Herr, ich will sie erhören, ich, der Gott Israel, will sie nicht verlassen.

Doch die Kinder Israel hatten hier kein natürliches Wasser, dessen man doch für dies leibliche Leben so wenig entbehren kann, als des Wassers des Heiligen Geistes für das geistliche und ewige Leben. Warum ließ Gott es ihnen denn wohl daran mangeln und sie diesen Mangel auf eine nachdrückliche Weise fühlen? – Weil er ein wunderbarer Gott ist, der die Seinen bald so, bald anders führt; weil sie sich selbst sollten kennen lernen, weil sie gründlich auf’s neue überzeugt werden sollten, wie unbeschreiblich nöthig sie Ihn hätten und wie abhängig sie von ihm waren; weil sie an sich selbst und aller Creatur desto tiefer verzagen und ihre Hoffnung desto ausschließlicher auf ihn setzen sollten; weil sie erweckt werden sollten, aus einer tiefen Tiefe der Noth zu Gott zu schreien, weil sie es einsehen sollten, wie Gott es mit ihnen machen könnte, wenn er wollte, also lernen, sich vor ihm zu fürchten; aber er ließ sie auch deßwegen in diese Noth kommen, um Gelegenheit zu haben, sie herrlich daraus zu erretten und sich selbst in seiner wundervollen Herrlichkeit zu zeigen. Dies waren ohne Zweifel einige von den Zwecken, welche diese Führung beabsichtigte. –

Wie benahm sich denn das Volk in dieser Noth? Sehr übel, und das böse menschliche Herz tritt bei ihnen recht in seiner unartigen Gestalt hervor, so daß wir an ihnen sehen können, wessen wir fähig sind, wenn uns nicht der gute Geist Gottes auf rechter Bahn leitet. Sie zanken mit Mose. Sie machen ihm einen Vorwurf wegen der großen Wohlthat, die er ihnen als ein göttliches Werkzeug, durch die Erlösung aus der egyptischen Sclaverei, erwiesen und sagen, er solle sie lieber dort gelassen haben, statt sie in ein solches Unglück zu führen, das größer sei, als alle egyptische Drangsale. Voll Zorn, fordern sie von ihm Unmögliches. Er soll ihnen zu trinken geben. Aber was kann Moses, was kann das Gesetz einer verschmachtenden Seele geben? Wie vergeblich wendet sie sich zu dem hin, der kein einziges Gebot hat, das lebendig mache. Und doch wendet man sich zuerst und immer wieder an ihn, der uns doch auf einen Propheten weiset, dem er nicht genugsam ist, sich vor ihm zu bücken und ihm seine Schuhriemen aufzulösen. – Dieser arme Mann, der mit den übrigen in gleicher Noth war, sollte helfen und konnte es nicht. Ach! wie leicht verlassen wir die lebendige Quelle, um uns zu löchrichten Brunnen zu wenden, die kein Wasser geben. Dabei forderten sie mit solchem Zorn und Ungestüm Wasser von ihm, daß sie Miene machten, ihn zu steinigen, wenn er’s nicht alsbald thäte. So wird der Mensch ordentlich einem wilden Thiere ähnlich, wenn seine Leidenschaften erwachen. –

Sie ließen es auch dabei nicht, nur wider Mosen zu murren, sondern sie vergriffen sich an Gott selbst, indem sie fragten: ist Gott unter uns oder nicht? Sie fragten dies nicht mit einem bekümmerten Herzen, etwa wie Gideon, als er sagte: ist der Herr mit uns, warum ist uns denn solches alles widerfahren? nicht, weil sie einen niederschlagenden Zweifel darüber empfunden hätten, ob er wohl mit ihnen sei, oder sie ihn nicht wohl durch ihre Sünden von sich gescheucht hätten. – Nein, daran war gar kein Gedanke. Vielmehr waren sie voll eigener Gerechtigkeit, und meinten, Gott sei verpflichtet, hier zu helfen, könne es aber vielleicht nur nicht. So forderten ihre Nachkommen von Jesu auch ein Zeichen vom Himmel. Nicht, als könnte er das, sondern vielmehr nur, um einen Beweis mehr für ihren Unglauben zu haben. Und so ist des Trotzens gegen Gott viel unter den Menschen. Sie verlangen, er solle sich nach ihren Wünschen und Einsichten bequemen, thut er das nicht, so halten sie sich für berechtigt, sich um ihn nicht zu bekümmern, und das Gebet sammt dem Vertrauen auf ihn zu verlachen, als wäre kein Gott. Dagegen aber heißt es: demüthiget euch unter die gewaltige Hand Gottes. Erkennet erst eure Sünde und Unwürdigkeit, und lernet dann aus der Tiefe eurer Noth zu Gott schreien, so wird er sich als ein solcher zu seiner Zeit erweisen, der den Elenden herrlich hilft. –

So kläglich, so sündlich und strafbar benahm sich das Volk. So kläglich benimmt sich überhaupt der natürliche Mensch. Nur Moses benahm sich in dieser Noth so, wie es sich für einen Christen ziemt. Geduldig und sanftmüthig nahm er die Beleidigungen des Volks hin und erzürnte sich nicht. Er verzagte in dieser allerdings großen Noth, woraus er auch keine Rettung auf natürlichem Wege sah, doch nicht an Gott. Ihm traute er’s zu, daß er nach seiner großen Macht auch aus dieser großen Noth helfen könne, und nach seiner eben so großen Güte helfen werde, unangenehmen das Volk dessen nicht werth war. Er erhob seinen Blick über das Sichtbare hinaus und hielt sich mit seiner ganzen Last zu dem Herrn und bat ihn um Hilfe. Er schrie zum Herrn, heißt es, die Heftigkeit und Inbrunst seines Flehens anzudeuten.

So war es recht. Ist jemand in der Noth, so mache er’s auch so. Wo sind wir geistlicher Weise anders, als in einer Wüste, und was bedürfen wir mehr, als des Wassers, das aus dem Felsen Christo fließt, wodurch die Wüste in ein Raphidim, in einen Lustgarten umgewandelt wird, ohne welches sie aber nichts als ähnliche Dornen trägt, wie wir sie an dem jüdischen und am christlichen Volke und an uns selbst wahrnehmen. Um dies Wasser laßt uns mit Mose schreien.

Der Herr half. Wie? das laßt uns, so Er will, nächstens erwägen. Gott hilft seinem Volke und erbarmet sich seines Erbes. Dein Erbe, das dürre ist, erquickest du mit einem gnädigen Regen.

Wenn ich traurig sitze
In Versuchungs-Hitze,
Tröster, tröste mich.
Laß die Ströme fließen,
In mein Herz sich gießen
Stets und mildiglich,
Die das dürre Erdreich laben
Mit den reichsten Himmelsgaben!

Amen!